Empfehlung: Internetrecht von Härting

Niko Härting hat es geschafft: Ich habe in den letzten Jahren sehr viele (gute) Bücher zum Thema „Internetrecht“ gelesen, doch immer gab es „ein Buch“, das mich zeitweise besonders gebunden hat, das ich als „Standardwerk“ sah. So war es in den 90ern – noch zu Schulzeiten – das Buch von Strömer („Onlinerecht“), das zugleich das erste Werk für mich zum Thema war. Später wurde es bei mir abgelöst vom Kröger/Gimmy („Handbuch zum Internetrecht“), nach dem lange Zeit nichts folgte als „Standardwerk“ – auch wenn es mir das Anwaltshandbuch zum IT-Recht sehr angetan hat, m.E. aber zu spezifisch ist, um als echtes „Standardwerk“ klassifiziert zu werden (dazu gehört m.E., dass auch interessierte und vorgebildete Nicht-Juristen das Werk nutzen können, etwa Fachjournalisten oder Systementwickler).

Endlich, nach dem Kröger/Gimmy, glaube ich mit dem Härting das Buch gefunden zu haben, das den Anschluss findet.

Das Buch bietet keine Einleitung, sondern direkt zu den einzelnen Themenkreisen des „Internetrechts“ Ausführungen, als da wären:

  1. Datenschutz & Privatsphäre
  2. Vertragsrecht
  3. Verträge über Internet-Dienstleistungen
  4. Fernabsatzrecht
  5. Urheberrecht
  6. Wettbewerbsrecht
  7. Domainrecht
  8. Haftung im Netz
  9. Kollisionsrecht

Ich finde diese Strukturierung zum einen sehr gelungen, zum anderen bekommt man einen Vorgeschmack auf den Umfang: Es sind nicht nur „wenig“ Hauptkapitel, sondern im Ergebnis kommen diese 9 Kapitel mit 514 Seiten Text aus. Aber keine Sorge: Zu wenig ist das auf keinen Fall.

Das Buch ist kein Lehrbuch, auch kein Lernbuch. Es ist eine ebenso kompakte wie umfassende Darstellung der Rechtsfragen, die sich um den digitalen Alltag ranken. Man kann es problemlos von Seite 1 bis Seite 514 durchlesen, wie ich selbst ausprobiert habe. Ich denke aber, klüger ist es, das Werk punktuell einzusetzen. Wenn Fragen rund um das Vertragsrecht auftauchen, liest man das dritte Kapitel bzw. die hier zutreffenden Teile. Anhand der äusserst zahlreichen Referenzen wird dann ggfs. das rausgesucht, was man aktuell benötigt, und vertieft das dann.

Inhaltlich kann ich dazu ansonsten nichts mehr sagen: Es ist umfassend, wenn auch streckenweise sehr kurz gehalten, was ich aber – mit Blick auf die verschiedenen Zielgruppen – als Vorteil verbuche. Speziell wenn man sich die Arbeit macht und bei den einzelnen Fragen zielgerichtet an Hand der zahlreichen Fundstellen vertieft, fehlt einem hier nichts.

Wer sich erstmals mit dem so genannten „Internetrecht“ beschäftigt, kann in diesem Buch eine Gelegenheit sehen, umfassend und ohne überflüssigen Text den Einstieg zu suchen. Vorgebildete interessierte Nicht-Juristen (wie etwa Fachjournalisten) haben hier ein unschlagbares Handbuch, in dem man seine wesentlichen Fragen auf Anhieb nachlesen und inhaltlich abklopfen kann. Auch der „normale Netznutzer“ dürfte hier grossen Nutzen ziehen können, gleichwohl muss ich warnen: Dies ist kein Buch, das einem aktiv bei konkreten Problemen mit „Anleitungen“ hilft.

Typisches Beispiel: Betreiber eines Online-Shops. Die werden täglich mit der Abmahnproblematik malträtiert, von Fragen zur Formulierung der Widerrufsbelehrung bis zur konkreten Preisgestaltung. Im Buch von Härting findet der interessierte Shop-Betreiber natürlich Ausführungen, wie man es wohl zur Zeit am besten handhabt. Es gibt sehr gute Übersichten und Erläuterungen. Aber eines gibt es nicht: Anleitungen nach dem Motto „Tun sie das“. Und das ist auch gut so.

Würde das Buch in diese Kerbe schlagen wollen würde es sich sicherlich (noch) besser verkaufen und ich bin dankbar, dass Härting sich hier (bisher) nicht verführen lässt. Die Erfahrung zeigt z.B., dass man sich noch so viel Mühe geben kann – letztlich können und werden Laien es dann doch falsch verstehen. Das Risiko wäre enorm. Abgesehen davon, dass eine konkrete Anleitung ohnehin – gerade in diesem Rechtsgebiet – Gefahr läuft, nach wenigen Monaten von der Rechtsprechung überholt zu werden.

Stattdessen bietet Härting nun einerseits ein umfassendes Handbuch, in dem zielgerichtet die Punkte nachgeschlagen werden können, die man braucht – andererseits kann man sich das notwendige Rüstzeug anlesen, um zumindest im Ansatz aktuelle Fragestellungen zu umgrenzen und einzuordnen.

Für Juristen ist der Härting ein gutes Handbuch, dass sich als aktuelles Nachschlagewerk empfiehlt. Speziell für interessierte Studenten ist es ein umfassendes Werk zur Erarbeitung des Rechtsgebiets, das sicherlich nicht günstig, aber ein lohnender Einstieg wäre. Interessierte Laien müssen vorsichtig sein: Einerseits ist es ein ausgezeichnetes Buch, um die rechtlichen Fragen des digitalen Alltags zu verstehen. Andererseits darf man nicht der Versuchung erliegen, mit diesem Buch akute rechtliche Probleme als Laie lösen zu wollen. Härting tut das Notwendige, um diese Versuchung klein zu halten.

Im Ergebnis ist das Buch zum Internetrecht von Härting für mich das aktuelle Standardwerk zum Thema für alle Interessierten, gleich welchen Hintergrund sie haben. Und ich bin überzeugt, er wird diesen Status lange Zeit halten können.

Daten zum Buch

Niko Härting
Internetrecht (4. Auflage, Ende September 2010 erschienen)
Verlag Dr. Otto Schmidt
ISBN 3504560851
Preis: ca. 80 Euro

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